Obere Drina: Dieser noch frei fließende Flussabschnitt würde durch das Buk-Bijela-Stauseeprojekt unter Wasser gesetzt werden. © Bruno D’Amicis
Die Drina ist eines der letzten Rückzugsgebiete des Huchens (Hucho hucho), einer global gefährdeten Art. © Erhard Kraus

BiH: Obere Drina in Gefahr – Wissenschaft warnt vor Buk-Bijela-Staudamm

Banja Luka, Sarajevo, Bosnien und Herzegowina – 25. März 2026 – In einem Positionspapier warnen 163 Wissenschaftler*innen vor dem Bau des geplanten Buk Bijela Staudammes an der oberen Drina in Bosnien-Herzegowina. Ihre Überprüfung der vorliegenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ergab, dass diese grundlegend fehlerhaft und wissenschaftlich völlig unzureichend ist. Ökologischen Folgen werden verharmlost, zum Teil falsch dargestellt und zudem kumulative sowie grenzüberschreitende Auswirkungen auf das obere Drina-Becken (Bosnien und Herzegowina) und die Tara (Montenegro) ignoriert.

Obwohl das BBHP-Projekt als einzelner Staudamm dargestellt wird, ist es eigentlich Teil einer Kaskade, die zwei weitere Wasserkraftwerke an der Drina flussabwärts sowie elf kleinere Dämme in den Nebenflüssen darunter im Nationalpark Sutjeska, die den Sedimenteintrag in den Hauptstausee verhindern sollen. Zusammen mit weiteren umfangreichen Flussregulierungen würde dieses Großprojekt das Überleben gefährdeter Arten wie des Huchens (Hucho hucho) gefährden. Kurz gesagt: Das Wasserkraftprojekt Buk Bijela am Oberlauf der Drina würde dieses global bedeutende Flusssystem zerstören – und mit ihm zahlreiche bedrohte Arten. 

„Das geplante Buk-Bijela-Wasserkraftwerk, mit seinem Schwallbetrieb und umfangreichen ergänzenden Flussverbauungen, stellt die schlimmste Form des Wasserkraftausbaus in dieser Region dar“, erklärten die unterzeichnenden Wissenschaftler*innen des Positionspapiers. „Es würde weitreichende und schwerwiegende ökologische Schäden im oberen Drina-Einzugsgebiet verursachen und eine der letzten Wildpopulationen des Hucho hucho an den Rand der Ausrottung bringen.“

Das obere Drina-Flussystem, einschließlich seiner Nebenflüsse Tara, Piva, Sutjeska, Ćehotina und anderen, ist von internationaler Bedeutung für das Überleben des Huchens: es umfasst etwa ein Drittel aller weltweiten Huchen-Flussstrecken sowie rund 42 % des verbleibenden Balkan-Lebensraums dieser bedrohten Art. Die Expert*innen lehnen die Behauptungen der UVP entschieden ab, dass Stauseen oder Aufzuchtstationen die genetische Gesundheit verbessern könnten. „Das ist Unsinn und widerspricht sämtlicher wissenschaftlicher Erkenntnis“, sagt Prof. Steven Weiss, von der Universität Graz, Österreich. „Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Stauseen zerstören die natürlichen, fließenden Lebensräume, die der Huchen zum Überleben braucht. Flüsse in stehende Gewässer zu verwandeln, ist tödlich für die Art – eine Tatsache, die durch Jahrzehnte genetischer Forschung belegt ist. Große Aufzuchtanlagen wären ein Albtraum für den Artenschutz, würden die genetische Gesundheit der Fische ernsthaft gefährden und ihr langfristiges Überleben bedrohen.“

Zu den weiteren wesentlichen Kritikpunkten der UVP zählt die Behauptung, dass der Huchen in der Tara im benachbarten Montenegro keine Laichgebiete in der oberen Drina benötigt, Beweise dafür werden keine vorgelegt, obwohl frühere Studien diese Erhebungen immer wieder gefordert hatten. Die UVP enthält zudem keinen plausiblen Plan für eine funktionsfähige Fischtreppe, stellt die Biologie der Art falsch dar, indem sie fälschlicherweise behauptet, der Huchen gehöre nicht zu der Gruppe der Salmoniden, und ignoriert die desaströsen ökologischen Auswirkungen eines Schwallbetriebs. Insgesamt verharmlost die UVP die biologischen und hydrologischen Anforderungen des Flusses, vermittelt ein falsches Gefühl der Sicherheit und birgt gleichzeitig die Gefahr eines irreversiblen Lebensraumverlusts sowie des potenziellen lokalen Aussterbens gefährdeter Arten.

Daher fordert die Wissenschaftsgemeinschaft einen sofortigen Stopp aller Wasserkraftprojekte im Oberlauf der Drina und ihrer Nebenflüsse, bis eine fundierte, umfassende UVP durchgeführt wurde. Diese Prüfung muss saisonale Fischbestandserhebungen, die Kartierung von Laich- und Aufzuchtshabitaten, die Modellierung hydrologischer und sedimentologischer Veränderungen, eine Analyse der kumulativen Auswirkungen der Drina-Kaskade, eine Bewertung der genetischen Konnektivität sowie die Berücksichtigung der Auswirkungen auf flussauf- und flussabwärts gelegene UNESCO-Stätten, Nationalparks und grenzüberschreitende Gewässer umfassen. 

„Unsere Daten zeigen, dass alle Wasserkraftwerke in Bosnien und Herzegowina in den letzten Jahren weniger Strom als erwartet  produziert haben, dennoch gehen die Eingriffe in unsere Flüsse  weiter, und umstrittene Projekte wie dieses werden nach wie vor vorangetrieben“, erklärt Vladimir Topić von der Organisation Center for Environment (CZZS).

Jüngsten Medienberichten zufolge hat das US-Unternehmen Bechtel Gespräche mit den Behörden über eine mögliche Kooperation und die Finanzierung des Wasserkraftwerks Buk Bijela geführt. Ausländische Investitionsinteressen dürfen keinen Vorrang vor einer gründlichen wissenschaftlichen Prüfung oder dem langfristigen Schutz der oberen Drina und ihrer ökologisch bedeutenden Nebenflüsse haben.

„Dieser Typ von Wasserkraftwerk ist total 1960er-Jahre-Stil; er repräsentiert das Schlimmste der in der Vergangenheit gebauten Staudämme, basierend auf einer UVP, die eher eine Karikatur einer Umweltprüfung ist. Die Genehmigung dieses Projekts würde dieses bedeutende Flusssystem und damit das Kerngebiet des Huchens, der größten Salmonidenart der Erde unwiederbringlich zerstören“, schließt Ulrich Eichelmann, CEO von Riverwatch. „Wir fordern die Regierung der Republika Srpska auf, das Projekt zu stoppen und zumindest eine neue UVP nach modernen Standards zu beauftragen.“