Wieso sind Wasserkraftwerke so schlimm und gibt es keinen Ausweg?

 

Living Planet Index des WWF: Süßwasserlebensräume sind weltweit am stärksten bedroht.

Living Planet Index des WWF: Süßwasserlebensräume sind weltweit am stärksten bedroht.

Flüsse sind DIE Lebensadern unseres Planeten. Kaum ein anderer Lebensraum ist so reich an Arten wie dieser. Kein anderer ist aber auch so gefährdet. Flüsse samt ihren natürlichen Überschwemmungsgebieten stehen weltweit mehr unter Druck als etwa Wälder oder marine Ökosysteme. Das wirkt sich auch auf die Artenvielfalt aus. Nirgendwo sonst auf der Erde ist der Artenrückgang so stark wie an den Fließgewässern. Ein wesentlicher Faktor für diese schlechte Bilanz ist die hohe Zahl von Staudämmen und Staudammprojekten.

Generell haben Staudämme immer und in jedem Fall enorme negative Auswirkungen auf die Umwelt: Aus einem Fließgewässer wird ein Stausee und flussab häufig ein Rinnsal. Dämme blockieren nicht nur den Lauf des Wassers und die Wanderung von Lebewesen, sondern auch den Geschiebetransport, also den Weg von Kies und Sand Richtung Meer. Dadurch verändern sich Flüsse auf enormen Längen, bei großen Staudämmen können die Folgen noch 1.000 Kilometer unterhalb des Dammes zu spüren sein.

Die Lage eines geplanten Staudamms im Mavrovo Nationalpark – dieses artenreiche Gebiet soll im Stausee ertrinken. Foto: Ulrich Eichelmann

Die Lage eines geplanten Staudamms im Mavrovo Nationalpark – dieses artenreiche Gebiet soll im Stausee ertrinken. Foto: Ulrich Eichelmann

Andererseits muss unser Energiebedarf gedeckt werden und es liegt nahe, dass dafür alternative Energiequellen (inklusive Flüsse) genutzt werden. Doch Planungen zum Ausbau der Wasserkraft müssen dringend ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen. Das passiert derzeit nicht, weder am Balkan, noch anderswo weltweit.

Staudammprojekte werden dort geplant, wo es wirtschaftlich am günstigsten ist. Welche Folgen das für Natur und häufig genug auch für die Anrainer hat, wird bei der Planung tatsächlich fast nie berücksichtigt. Vorschriften wie die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nutzen dann nichts mehr, weil die Entscheidung für den Bau dann schon getroffen ist. Es geht bei der UVP in Wahrheit nur um “Verringerung des Schadens”.  Weltweit sind nur sehr wenige Kraftwerksprojekte durch eine UVP oder ähnliche Vorgaben gestoppt worden. Selbst Projekte wie Ilisu in der Türkei oder Belo Monte in Amazonien oder eben auch die Projekte im Mavrovo Nationalpark haben die UVP „bestanden“.

Regeln für den Bau eines Staudammes/Wasserkraftwerkes

Staudamm an der Neretva unterhalb Kojic. Foto: A. Vorauer

Staudamm an der Neretva unterhalb Kojic. Foto: A. Vorauer

Wir sind nicht generell gegen den Bau von Staudämmen. Aber man muss es richtig vorbereiten. Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Haus bauen. Dann können Sie nicht irgendwo in die Landschaft bauen, sondern müssen sich an einem Plan orientieren, dem Flächennutzungsplan. Wenn sie das gemacht haben, können Sie das Haus dort bauen, müssen sich aber an die Bauordnung halten (technische Vorgaben z.B. zur Wärmedämmung…).

Ganz ähnlich müsste man das auch beim Bau von Staudämmen handhaben: zunächst braucht man einen Flächennutzungsplan, der vorgibt, wo Dämme errichtet werden können und wo nicht. Die Erstellung dieses Planes ist keine Zauberei, man müsste zunächst lediglich die Flussgebiete festlegen, die aus ökologischer, kultureller oder sozialer Sicht tabu für den Bau neuer Kraftwerke sind, sogenannte “no-go areas”. In diesen Gebieten werden neue Wasserkraftwerke nicht erlaubt. In den übrigen Fluss-Strecken könnten dann Wasserkraftwerke errichtet werden, allerdings müssten die auch dem neuesten Stand der Technik entsprechen (wie bei Bauordnung auch).

Wir brauchen also einen Raumordnungsplan für unsere Flüsse, am Balkan, in Europa, weltweit.

Doch die Realität sieht ganz anders aus. Wir erleben eine Art “Goldrausch” im Wasserkraftsektor, in der Projekte überall und ohne Rücksicht auf Natur geplant und gebaut werden – selbst in Naturschutzgebieten wie etwa im Mavrovo Nationalpark.

Dabei wäre es ganz einfach das Problem Naturschutz und Energiebedarf zu lösen.

Die drei Grundregeln für einen zukunftsfähigen Umgang mit Landschaft und Energieproduktion:

Die Vjosa in Albanien - einer der letzten lebendigen Wildflüsse Europas. Foto: Romy Durst

Die Vjosa in Albanien – einer der letzten lebendigen Wildflüsse Europas. Foto: Romy Durst

I   Energiekonzept: Jedes Land braucht Energie. Doch wieviel Energie gebraucht wird und aus welchen Ressourcen diese Energie gewonnen wird, sollte ein Energiekonzept beantworten (also wie viel aus Sonne, aus Wind, Gas, Wasserkraft…)

Wenn Wasserkraft, dann
II Masterplan Flüsse: Erstellung eines Raumordnungsplanes für die Flüsse (mit no-go areas für den Bau von Dämmen). D.h. Errichtung neuer Wasserkraftwerke nur in zugelassenen Abschnitten.

Wenn man innerhalb von “go areas” ein Wasserkraftwerk bauen will, dann
III Stand der Technik: muss man das Projekt nach dem neuesten Stand der Technik bauen.

Gemäß diesen drei Punkten muss sich ein modernes Energie- und Naturschutzkonzept mit an diese Reihenfolge halten:

I Wieviel und womit?
II Wo?
III Wie?

Tatsächlich beginnt die Diskussionen über Wasserkraftprojekte aber fast immer erst in Phase III, d.h. man spricht schon über das „wie“. Das wäre so, als wenn man beim Bau eines Hauses nur über technische Details sprechen will, das Haus aber außerhalb des genehmigten Baugebietes liegt.

Es fehlt also nicht am Wissen wie man das Problem lösen kann, sondern am politischen Willen es zu tun.