Der Staudamm Tsunami

Staudämme sind eine der schlimmsten Eingriffe in die Natur. Sie zerstören die Lebensadern des Planeten. Nicht allein den unmittelbaren Fluss, z.B. durch Aufstau, Ableitung oder gar Trockenlegung von Flüssen, sondern sie führen infolge häufig zu einer sekundären Zerstörungswelle durch den Bau von Hochspannungsleitungen (oft über 1000e Kilometer), Straßen etc.

Umweltbedrohung Gefahr Staudamm Zerstörung

Staudammbau – Photo: Doga Dernegi

Damm Geschichte
In den 1980er und 1990er Jahren waren große Staudämme weltweit eines der top Themen des Natur- und Umweltschutzes. Wo immer sie gebaut werden sollten, protestierten Menschen dagegen (Hainburg, Nagymaros, Loire, Belo Monte…). Mit Erfolg. Der Bau großer Staudämme ging deutlich zurück und kam in den 1990er Jahren weltweit fast gänzlich zum Erliegen.

Die Bedenken waren so groß, dass die Weltbank 1997 zusammen mit Naturschutzorganisationen und Wissenschaftlern die Weltstaudammkommission (World Commission on Dams – WCD) gründete. In ihrem Abschlussbericht im Jahr 2000 kam die Kommission zu dem Schluss, dass Staudämme häufig so geplant und gebaut wurden, dass der Preis für Natur und Menschen zu hoch war. Im Beisein von Nelson Mandela schlug die WCD als Lösung (nicht verbindliche) Richtlinien für den Bau von Staudämmen vor. Die Weltbank stoppte die Finanzierung großer Staudammprojekte. Mehr Infos dazu: www.internationalrivers.org/campaigns/the-world-commission-on-dams

Die neue Staudammwelle
Doch seit etwa 10 Jahren boomt der Staudammbau wie nie zuvor. Das hat mir zwei Faktoren zu tun:

1) Klimaschutz: Wasserkraft gilt gemeinhin als „grüne“ Energieform. Im Zuge der Energiewende wurden die ökologischen und sozialen Bedenken hinweggespült, ignoriert. „Wegen Gefahr in Verzug“ finanziert auch die Weltbank wieder Projekte und ignoriert dabei ihre eigenen Richtlinien der Weltstaudammkommission. Auch die großen internationalen Umweltverbände, die noch in den 1980er und 1990er Jahren solche Projekte heftig bekämpft hatten, schweigen heute weitgehend.
2) Der Einstieg Chinas in den Wasserkraftmarkt. China gilt als global player auf dem Wasserkraftmarkt. 28.300 große Dämme gibt es im eigenen Land. Doch auch in anderen Ländern ist China´s Staudammlobby aktiv. Besonders in Afrika und in anderen asiatischen Ländern bauen chinesische Firmen mit chinesischem Geld Staudämme.

Staudammfakten
Zwar ist bei den Erneuerbaren viel von Sonne und Wind die Rede, doch mehr als 80 Prozent der Stromproduktion aus Erneuerbaren stammt aus Wasserkraft.

  • 50.000 große Staudämme gibt es, Millionen mittelgroße und kleinere Dämme.
  • 40-80 Millionen Menschen haben ihre Heimat durch Überflutung verloren.
  • 500-750 Millionen Menschen leiden unter den Folgen von Staudämmen (Survival International, 2011)
  • Wie viele Arten durch Staudämme ausgestorben sind, ist nicht bekannt. Vermutlich zigtausende.
  • 40 % des Flusswassers ist hinter Dämmen gestaut
  • 7% des Wassers, das Menschen weltweit verbrauchen, verdunstet in Stauseen
  • 4% der Klima schädlichen Gase entstehen in Stauseen (v.a. Methan). Staudämme tragen damit im gleichen Maße zur Klimaerwärmung bei, wie der weltweite Flugverkehr.
  • ein Drittel der Flusssedimente (Sand, Kies) erreichen das Meer nicht mehr, weil sie in Stauseen zurückgehalten werden. Dadurch verkleinern sich die Deltas und Sturmfluten können so leichter ins Landesinnere gelangen (z.B.Mississippidelta und New Orleans). Die Vereinten Nationen erwarten deshalb, dass bis 2020 weiter 50 Millionen Menschen von Hochwässern betroffen sein werden.

Bis 2020 sollen mehrere tausend großer Kraftwerke gebaut werden. Ohne Einhaltung internationaler Standards.

  • Jährliche Bausumme derzeit: 100 Mrd US Dollar.

Selbst die letzten Naturgebiete sollen verbaut werden: Mesopotamien und Amazonien, Indonesien, das Mekonggebiet, in Afrika der Sambesi, Kongo, Nil und in Europa v.a. der Balkan. Alles soll verstaut werden. Geplant: In Amazonien 60 Megadämme und 600 mittlere. Wenn das kommt, so brasilianische Wissenschaftler, dürften allein bei den Fischen 1.000 Arten aussterben. Das entspricht 10% aller Süßwasserfischarten der Welt oder so viele Arten, wie es in Europa und Nordamerika zusammen gibt.
Am Balkan sind 570 Staudämme geplant, in der Türkei 1500 Staudämme … Und selbst in Österreich mit seiner schon jetzt enormen Staudammdichte, sollen weitere 60 Wasserkraftwerke errichtet werden. Dadurch drohen selbst die letzten Reste von Naturlandschaften bei uns zerstört zu werden. Weitere Infos: www.fluessevollerleben.at

Und die Projekte werden immer größer: Belo Monte soll der 3. größte Staudamm der Welt werden. Doch in Kürze wäre er nur noch die Nummer 4. Denn am Kongofluss in Afrika soll der Gran Ingadamm gebaut werden – doppelt so groß wie der Drei Schluchten Damm in China. Kosten: 80 Mrd US Dollar. Die Weltbank hat die Finanzierung in Aussicht gestellt.

Staudammbau 1950 bis Ende 1990 (Quelle: ICOLD)

Staudammboom 2000-2020 (Quelle: Global Data)