Nach der Flut ist vor der Flut – Analyse und Forderungen

Es naht die Zeit des Aufräumens, aber auch die Zeit der Analyse und Schlussfolgerungen. Während der Flut betonen selbst Politiker, dass man für die Sünden der Vergangenheit büße, weil man den Gewässern zu viel natürlichen Überflutungsraum genommen habe. Klingt gut. Doch ist das Hochwasser vorbei, ist‘s auch vorbei mit der medialen Berichterstattung und die Politik zieht sich erfahrungsgemäß genauso zurück wie das Wasser.

Danach dürfte v.a. in den technischen Hochwasserschutz, also in den Bau von neuen Dämmen oder Spundwänden investiert werden. Von “mehr Platz für Flüsse” wird dann nichts mehr zu hören sein. So war es jedenfalls bisher. Wir verhalten uns wie ein Arzt, der weiß, wie eine Krankheit zu heilen wäre, dem Patienten aber lieber Schmerztabletten verschreibt. So bleibt der Patient sein Kunde und leidet weiter.

Hinter dem Hochwasser und seinen Folgen, den Zahlen und Daten steckt aber auch ein gestörter Zugang von uns Menschen zu den Flüssen: wir nehmen ständig von ihnen ohne etwas zurückzugeben. Flüsse und Bäche nehmen unsere Abwässer auf, reichern das Grundwasser an, welches wir dann als Trinkwasser nutzen, sie liefern Energie und Transportwege (Schifffahrt), bieten Erholungsraum (Fischen, Kajak fahren..), bewässern unsere Felder und vieles mehr. Und was geben wir ihnen zurück? Nichts. Stattdessen nehmen wir ihnen auch die letzen Quadratmeter, die sie brauchen. Auen werden abgedämmt, zugebaut für Gewerbegebiete, Siedlungen, Straßen etc. Und wenn es dann noch irgendwo einen naturnahen Flussabschnitt gibt, sind dort garantiert Staudämme in Planung.

Von den größeren Flüssen in Österreich (über 500 Quadratkilometer Einzugsgebiet) fand die BOKU 1998 nur noch 4% in einem natürlichen Zustand und weitere 17% in einem einigermaßen naturnahen Zustand. Diese Zahlen dürften sich inzwischen weiter verschlechtert haben, denn seit damals sind weitere Verbauungen und Staudämme dazu gekommen. Die Schwarze Sulm in der Steiermark (nahe Deutschlandsberg) ist einer dieser 4% Flüsse, die noch in einem natürlichen Zustand sind. Genau dort ist gerade ein Kraftwerk im Bau. Zum Glück gibt‘s dort Widerstand.

Foto: Die unregulierte March in Tschechien. Vorbild auch für Österreich. Credit unbekannt.

Dieses “nehmen ohne zu geben” rächt sich z.B. durch immer drastischer werdende Hochwässer. Doch während wir Menschen nur alle paar Jahre die Folgen unseres Tuns bemerken, leiden Tier- und Pflanzenarten ständig. In Österreich stehen insgesamt 223 Pflanzenarten und 668 Tierarten, die an unseren Flüssen und in den Auen vorkommen, auf der Roten Liste. 80% der heimischen Fischarten sind gefährdet.

Das dies nicht nur in Österreich der Fall ist, zeigt der letzte Report der Biodiversitäts Konvention CBD (Convention on Biological Diversity). In dem Global Biodiversity Outlook 3 heißt es etwa auf Seite 42: “Rivers and their floodplains, lakes and wetlands have undergone more dramatic changes than any other type of ecosystem,…” In Europa und den USA wurden allein seit 1985 etwa 65% der Feuchtgebiete trocken gelegt. Für die gesamten Donau und ihre 5 großen Zubringer (March, Theiss, Prut, Drau und Save) errechnete das WWF Auen-Institut 2003 eine Auenfläche von ursprünglich 41.600 Quadratkilometer, von denen nur noch 20% bestehen.
http://www.cbd.int/doc/publications/gbo/gbo3-final-en.

Was müsste geschehen?

* Stopp dem Verbau der Flusslandschaften. Dazu zählt auch der Bau neuer Wasserkraftwerke und die Ausweisung von Bauland entlang der Flüsse.
* Erhebung von den Flächen, die für zukünftige Überflutung infrage kommen (Potentialanalyse).
* Ausweisung dieser Flächen im Flächennutzungsplan als “Hochwasserschutzflächen” (statt als Bauland).
* Renaturierungsoffensive an Flüssen, sowie Rückverlegung von Dämmen

Als ersten Schritt dahin sollte der zuständige Umweltminister zu einem Hochwasserschwerpunkt einladen, an dem Politik, NGOs und Bürgermeister teilnehmen.

Möglicherweise kann uns dieses Hochwasser wider erwarten ja doch wachrütteln. Dann hätte diese Flut auch ihr Gutes gehabt.

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